Mehr Pragmatismus, mehr Wettbewerbspotenzial, mehr Handlungsbedarf: Die Europäische Union stellt die Weichen für eine neue wirtschaftspolitische Ära – für Unternehmen beginnt 2025 eine Phase des Umdenkens. Die EU-Kommission hat nach der Wiederwahl ihrer Präsidentin Ursula von der Leyen begonnen, ihre Prioritäten für die neue Legislaturperiode neu auszurichten. Der Fokus der EU-Wirtschaftspolitik verschiebt sich zunehmend weg von der bisher dominierenden Ausrichtung auf Nachhaltigkeit und den Green Deal hin zu einer stärkeren Betonung der Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen. Diese Neuausrichtung ist eine Reaktion auf geopolitische Unsicherheiten, wirtschaftliche Herausforderungen und den globalen Wettbewerb mit den USA und China.
Die EU-Regierungschef*innen konkretisierten diesen Wandel jüngst auf einem ihrer Treffen. Die Kommission kündigte an, zentrale Nachhaltigkeitsregelungen wie die Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD), das EU-Lieferkettengesetz (CSDDD) und die grüne Taxonomie umfassend zu überprüfen. Ziel ist es, dadurch die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu verbessern und vor allem kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) zu entlasten, die unter hohen administrativen Anforderungen besonders leiden. Schon kurz darauf begannen die EU-Industrieminister*innen in Brüssel mit der Diskussion über Maßnahmen zur Vereinfachung europäischer Vorschriften.
Verschiebung der Prioritäten: Wettbewerbsfähigkeit im Fokus
Dieser Kurswechsel markiert laut Expert*innen eine überfällige Neujustierung der europäischen Wirtschaftspolitik: „Dies ist eine notwendige Reaktion auf die aktuellen Krisen und die schwache Wachstumsdynamik in Europa, insbesondere in Deutschland“, sagt Jens Südekum, Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. „Andere Weltregionen entwickeln sich deutlich besser, was zeigt, dass das europäische Wirtschaftsmodell vor großen Herausforderungen steht.“ Es sei daher positiv, dass nun Wettbewerbsfähigkeit stärker in den Fokus rücke.
Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, sieht darin eine logische Reaktion auf die geopolitischen Unsicherheiten, den Rückzug von der grenzenlosen Arbeitsteilung und die sich wandelnden globalen Wirtschaftsstrukturen. „Wenn der volkswirtschaftliche Wohlstand erhalten werden soll, muss die Wettbewerbsfähigkeit als wirtschaftspolitischer Leitstern verstanden werden, um alte Positionen zu überdenken und neue Prioritäten zu setzen“, betont der Ökonom in einer aktuellen Analyse.
Für Firmen bedeutet diese Neuausrichtung jedoch mehr als nur notwendige Anpassungen an neue Rahmenbedingungen – sie eröffnet langfristig Chancen: „Die sich verändernde Wirtschaftspolitik der EU bietet Unternehmen nicht nur Entlastung, sondern auch die Möglichkeit, ihre Innovationskraft voll auszuschöpfen und sich in einem globalen Wettbewerbsumfeld besser zu positionieren“, sagt Ökonom Südekum. Denn weniger Berichtspflichten bedeuteten, dass Unternehmen weniger Zeit und Ressourcen in administrative Aufgaben investieren müssen. „Frei werdende Kapazitäten können stattdessen in produktive Tätigkeiten fließen – etwa in Forschung und Entwicklung oder in die Optimierung von Geschäftsmodellen.“ Allerdings müsse man sich darauf einstellen, dass es durch den Abbau von Berichtspflichten später zu mehr Kontroll- und Prüfaufwand und vielleicht sogar zu einer höheren Zahl von Rechtsstreitigkeiten kommen könne.
Der Wandel verlangt ein Umdenken auf vielen Ebenen. Eine zentrale Frage lautet: Sollten Unternehmen weiterhin konsequent auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz setzen? Oder ist es strategisch klüger, bisherige ESG-Engagements zu überdenken, Neuinvestitionen zurückzuhalten und stattdessen auf mögliche Lockerungen regulatorischer Vorgaben zu spekulieren? Diese Unsicherheit prägt derzeit viele Diskussionen in den Führungsetagen.
Einige führende Unternehmen haben diese Frage für sich bereits beantwortet. Sie reagieren schon auf den – offensichtlich frühzeitig vorausgesehenen – politischen und gesamtgesellschaftlichen Paradigmenwechsel. So hat etwa der Ölkonzern Shell seine Klimaziele neu justiert und setzt stärker auf kurzfristige Profitabilität. Der Konsumgütergigant Unilever hat seine Pläne für den reduzierten Plastikeinsatz zurückgeschraubt, während der schwedische Automobilhersteller Volvo seine Elektrifizierungsziele zeitlich streckt. Diese Entwicklungen sind keine Einzelfälle. Seit Monaten zeichnet sich ein breiterer Trend ab, wie aus aktuellen Studien hervorgeht: Immer mehr Firmen fordern, dass die wirtschaftliche Transformation Europas hin zu mehr Nachhaltigkeit zwar unverändert wichtig bleiben, aber angesichts der anhaltenden Herausforderungen durch Polykrisen auch wirtschaftlich tragfähig gestaltet werden muss.
Gleichzeitig warnen Fachleute davor, aus den neu justierten politischen Leitplanken der Europäischen Union falsche Schlüsse zu ziehen. So könne Unternehmen ein voreiliger Rückzug aus nachhaltigen Initiativen langfristig teuer zu stehen kommen; denn Nachhaltigkeit bleibt ein zentraler Bestandteil der EU-Strategie, auch wenn diese nun stärker auf Umsetzbarkeit und wirtschaftliche Effizienz ausgerichtet wird. „Weniger Bürokratie und Berichtspflichten sind für Unternehmen zwar eine gute Nachricht. Dennoch wäre es ein schwerer Fehler, dies als Signal zu deuten, dass etwa Klimaschutz nun zweitrangig ist“, betont Südekum. Nachhaltigkeit bleibe ein zentraler Bestandteil wirtschaftlicher Resilienz und Zukunftsfähigkeit.
Der Kurswechsel auf EU-Ebene im Detail
Mit den jüngsten wirtschaftspolitischen Entwicklungen verfestigt sich eine tiefgreifende Neugewichtung der Prioritäten in der Europäischen Union, die sich spätestens seit der im Sommer beschlossenen neuen „strategischen Agenda“ des Europäischen Rates bis 2029 immer unmissverständlicher abzeichnet. Dieses Programm, eine Art Fünfjahresplan, wurde von den Staats- und Regierungschef*innen der EU-Mitgliedstaaten, dem Präsidenten des Europäischen Rates und der Präsidentin der Europäischen Kommission entwickelt.
Die Klimathematik erhält in der aktualisierten EU-Agenda deutlich weniger Aufmerksamkeit als zuvor. Denn Nachhaltigkeit wird nicht mehr als eigenständiges Ziel hervorgehoben, sondern nur noch in übergeordnete wirtschaftliche Ziele integriert. Während sich die vorherige, bis 2024 gültige Version stark auf den European Green Deal fokussierte, verschiebt sich der Schwerpunkt nun stattdessen unter anderem auf die Sicherung strategischer Lieferketten sowie die Reduzierung schädlicher internationaler Abhängigkeiten und Verflechtungen.
Um im globalen Wettbewerb mit China und den USA konkurrenzfähig zu bleiben, soll zudem die Integration des Binnenmarktes vorangetrieben werden. Ziel ist es, die EU zu einem technologischen und industriellen Kraftzentrum zu entwickeln. Dabei wird angestrebt, Wachstums-, Produktivitäts- und Innovationslücken im Vergleich zu internationalen Partnern zu schließen. Dies erfordert verstärkte kollektive Investitionsanstrengungen in Schlüsseltechnologien und strategische Industrien.
Ein weiterer zentraler Aspekt der neuen, bis 2029 maßgeblichen Agenda ist die stärkere Betonung von Sicherheit und Verteidigung. Diese Ausrichtung reagiert auf die geopolitischen Herausforderungen, insbesondere Russlands Krieg gegen die Ukraine, und unterstreicht die Notwendigkeit einer robusteren europäischen Sicherheitsarchitektur. Aus all diesen strategischen Neuausrichtungen ergeben sich weitreichende Implikationen für Unternehmen:
Pragmatischer Ansatz bei der grünen Transformation
Der verstärkte Fokus auf Wettbewerbsfähigkeit dürfte mittelfristig zu regulatorischen Anpassungen führen, die administrative Hürden für Unternehmen spürbar senken könnten. Besonders restriktive und ambitionierte Vorgaben im Bereich Klimaschutz und Nachhaltigkeit stehen dabei auf dem Prüfstand, was vor allem kleinen und mittleren Unternehmen zugutekommen dürfte.
Die EU verfolgt künftig ausdrücklich einen „pragmatischeren“ Ansatz zur Erreichung der Klimaneutralität – ein Modell, das Expert*innen zufolge auch Unternehmen übernehmen sollten. Entscheidend wird sein, bestehende Nachhaltigkeitsstrategien kritisch zu überprüfen und gezielt anzupassen, um den neuen Rahmenbedingungen gerecht zu werden.
Zukunftstechnologien im Fokus
Die künftig verstärkte Förderung von Schlüsseltechnologien wie künstlicher Intelligenz (KI), Quanten- und Biotechnologie bietet Unternehmen immense Chancen. So stellt die EU-Kommission ab 2025 beispielsweise fast 2 Mrd. € aus den Programmen „Digitales Europa“ und „Horizont Europa“ für KI bereit. Zusätzlich fließen langfristig 134 Mrd. € aus der sogenannten „Aufbau- und Resilienzfazilität“ in die Digitalisierung. Auch bestimmte Branchen dürften künftig stärker von Digitalisierungsvorhaben profitieren. Allein Frankreich beispielsweise investiert künftig etwa 170 Mio. € in präventive Gesundheitsinnovationen – ähnliche Programme werden auch EU-weit aufgelegt, um technologische Fortschritte sowie Wettbewerbsvorteile in der medizinischen Versorgung voranzutreiben. Für Unternehmen ergeben sich hieraus vielfältige Chancen. Sie sollten die neuen Förderprogramme systematisch prüfen und ihre Innovationsstrategien entsprechend ausrichten.
Anpassung an veränderte Geschäftsbedingungen
Unternehmen, die international tätig sind oder in kritischen Sektoren wie Energie, Rohstoffe und Technologie agieren, müssen sich auf verschärfte Handelsbedingungen einstellen, die durch den wachsenden Fokus auf Sicherheit geprägt sind. Dies erfordert eine gezielte Neubewertung ihrer Risikomanagement-Strategien, um geopolitische Unsicherheiten und regulatorische Veränderungen effektiv zu adressieren. Gleichzeitig eröffnen sich Chancen in technologieintensiven Bereichen wie Cybersicherheit und Verteidigung. Hier können Unternehmen von steigenden Investitionen profitieren, da die EU mit einer integrierten Verteidigungsmarktstrategie neue Geschäftsmöglichkeiten schafft und Europas Unabhängigkeit in sicherheitsrelevanten Bereichen stärkt. Wer frühzeitig auf diese Entwicklungen reagiert, sichert sich Wettbewerbsvorteile und erschließt Wachstumspotenziale in einem zunehmend strategisch ausgerichteten Marktumfeld.
Fazit: Die neue EU-Strategie fordert zum Handeln auf
Die Neuausrichtung der EU-Wirtschaftspolitik bietet Unternehmen eine Gelegenheit, sich strategisch neu zu positionieren, um langfristig erfolgreich zu sein. Diese Veränderungen erfordern von Führungskräften ein proaktives Handeln und die Bereitschaft, bestehende Geschäftsmodelle zu hinterfragen und anzupassen. Indem sie die Balance zwischen Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit finden, können Unternehmen nicht nur ihre Resilienz stärken, sondern auch neue Marktchancen erschließen. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um Innovationsstrategien zu überdenken und von den neuen Fördermöglichkeiten zu profitieren.