Herr von Bismarck, welchen Beitrag können qualifizierte Mitarbeiter*innen künftig überhaupt noch zum Firmenerfolg leisten?
Künstliche Intelligenz wird viele Aufgaben übernehmen, die bisher Menschen ausgeführt haben. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Geschäftsmodelle – und mit ihnen völlig andere Jobprofile und Arbeitsplätze. Der Mensch bleibt dabei auf absehbare Zeit ein essenzieller Erfolgsfaktor. Denn er baut Beziehungen zu Kundinnen und Kunden auf, prägt die Unternehmenskultur und fördert Innovation durch Expertise und Anpassungsfähigkeit.
Für wie realistisch halten Sie die Vorstellung, dass Mensch und Maschine bei Aufgaben im Arbeitsalltag kooperieren und gemeinsam bessere Ergebnisse erzielen?
Das wird gelingen, sofern der Mensch sich darauf konzentriert, was ihn einzigartig macht. Sich etwa bei der Analyse unstrukturierter Daten wie Texten, Bildern oder Audioaufnahmen mit der KI messen zu wollen, ist zwecklos. Fähigkeiten wie Emotionalität, Selbstreflexion, Werteorientierung und das Übernehmen von Verantwortung werden jedoch Alleinstellungsmerkmale des Menschen bleiben. Die Arbeitsteilung könnte so aussehen: Eine KI führt komplexe Datenanalysen durch, während Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Richtung vorgeben und die Verantwortung für den Gesamtprozess tragen. Denn Letzteres kann eine KI weder in rechtlicher noch ethischer Hinsicht leisten.
Können Sie Beispiele für eine solche Zusammenarbeit nennen?
Das EdTech-Unternehmen Pinktum, dessen Forschungsinstitut ich als CEO leite, produziert seine Lerninhalte mit KI-Unterstützung. Übersetzungen, das Einfügen von Hintergrundkommentaren in Videos oder die Animation von Schaubildern übernehmen also entsprechende KI-Anwendungen. Menschen prüfen die Ergebnisse jedoch und übernehmen die Verantwortung dafür. Ein weiteres Beispiel ist das Recruiting – ein stark datengetriebener Prozess. KI kann eine Vorauswahl geeigneter Kandidatinnen und Kandidaten treffen, doch letztlich entscheiden Menschen, ob sie den Vorschlägen folgen. Diese Kontrolle ist zwingend erforderlich, um die Reproduktion diskriminierender Muster zu verhindern. Orientiert sich eine KI etwa ausschließlich an Profilen bisher erfolgreicher Bewerberinnen und Bewerber, kann dies das Ziel einer diverseren Belegschaft gefährden.
Welche Risiken bestehen bei der Kooperation von Mensch und KI?
Ein zentrales Risiko liegt darin, dass Menschen die Arbeitsweise der KI nicht verstehen und sie deshalb nicht überwachen können. Das könnte dazu führen, dass die KI unerwünschte Entscheidungen trifft, vertrauliche Daten weitergibt oder – im Extremfall – Ziele verfolgt, die nicht mit den Interessen des Unternehmens übereinstimmen. Hinzu kommen mögliche soziale und psychische Folgen für Beschäftigte. Gefühle der Isolation oder des Verlustes von Selbstwirksamkeit können entstehen, wenn KI die menschliche Interaktion ersetzt. Unternehmen müssen diese Risiken aktiv adressieren und sicherstellen, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die nötigen Kompetenzen entwickeln, um die KI verantwortungsvoll zu steuern. Das Büro sollte auch in Zukunft ein Ort menschlicher Begegnung bleiben.
Auf welche Schlüsselkompetenzen sollten Unternehmen künftig bei Mitarbeiter*innen besonders achten?
Es wird stärker auf sogenannte Soft Skills ankommen – gerade, weil sich die fachlichen Anforderungen immer schneller verändern. Anpassungsfähigkeit, Lernfähigkeit und Offenheit für Veränderungen sind essenziell, um den andauernden Wandel zu bewältigen. Unternehmen müssen diese Fähigkeiten aktiv fördern, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.
Welche Rahmenbedingungen braucht es dafür?
Zunächst müssen Unternehmen einen offenen und sachlichen Diskurs führen darüber, wie KI eingesetzt werden soll. Dabei geht es nicht nur um Chancen für das Geschäftsmodell, sondern auch um Potenziale für die Beschäftigten. Obwohl KI bereits in vielen Betrieben zum Einsatz kommt, hat dieser grundlegende Austausch in den meisten Unternehmen noch nicht begonnen.
Warum wird über ein derart wichtiges Thema nicht intensiv diskutiert?
Häufig fehlt es der Unternehmensleitung an strategischer Kompetenz im Umgang mit KI. Viele Top-Führungskräfte benötigen selbst Schulungen oder externe Unterstützung, um KI-basierte Zukunftsszenarien zu entwickeln und eine tragfähige Strategie abzuleiten.
Kann es helfen, die Position eines*einer Chief AI Officer zu schaffen?
In der aktuellen Übergangsphase kann dies sinnvoll sein, um den KI-Einsatz auf höchster Ebene voranzutreiben. Dabei sollte jedoch klar sein, dass es sich nicht um ein rein technisches Thema handelt. Wie bei jedem Change-Prozess geht es darum, die Menschen mitzunehmen und den Wandel gemeinsam zu gestalten. Geschieht dies nicht, drohen kostspielige Widerstände.
Wie verändert sich dabei die Rolle von Führungskräften?
Die größte Veränderung wird die mittlere und untere Führungsebene betreffen. KI-Modelle werden künftig präziser und effizienter als Menschen Unternehmensbereiche steuern, um durch Kennzahlen definierte Ziele zu erreichen. Führungskräfte werden sich stärker auf den Zusammenhalt in Teams, die Unternehmenskultur und das Talentmanagement konzentrieren. Hier ist emotionale Intelligenz gefragt, die ebenso wie soziale Kompetenz im Arbeitsalltag die Domäne des Menschen bleiben wird.
Und was verändert sich für Vorständ*innen und Aufsichtsrät*innen?
Für Top-Führungskräfte wird technologische Expertise immer wichtiger. Sie müssen sicherstellen, dass Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung im KI-Zeitalter gerecht werden. Ethische Leitlinien und strenge Qualitätskontrollen für KI-Modelle sind unerlässlich, um intransparente, diskriminierende oder manipulative Systeme zu verhindern. Gewinner werden jene Unternehmen sein, die KI nicht nur für ihren kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg nutzen, sondern auch zum Wohl von Beschäftigten, Kundinnen und Kunden sowie Geschäftspartnern.
Über Pool
In Zeiten struktureller Krisen gilt es, den Blick wieder auf positive Zukunftsnarrative zu lenken. „Pool – Sparring mit der Zukunft“ – ein Joint Venture zwischen Forvis Mazars in Deutschland und Murmann Publishers – führt deshalb Entscheidungsträger*innen aus der Wirtschaft mit einem Netzwerk von Thought-Leadern zusammen, die wichtige Themen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und Zukunftsbilder für die Welt von morgen entwickeln. Zum Netzwerk gehören unter anderem Wissenschaftler*innen, Unternehmer*innen und kreative Köpfe aus Innovationlabs sowie der Publizistik. Mit eigens entwickelten Diskurs- und Workshopformaten hilft Pool Unternehmen, positive Visionen zu entwerfen, diese in ihre Geschäftsmodelle zu integrieren und proaktiv zu handeln.
So zum Beispiel im Zukunftsworkshop mit dem Interviewpartner dieses Artikels, Wolf-Bertram von Bismarck, Leiter des zum EdTech-Unternehmen Pinktum gehörenden Forschungsinstituts. In diesem zeigt er zusammen mit Pool auf, wie Unternehmen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz weiterhin den Menschen in das Zentrum ihres Handels stellen – und wie sich Mensch und Maschine optimal ergänzen. Das Ziel: ein langfristiger und institutionalisierter Zukunftsdiskurs. Dafür sind die Workshops für Pool der Start in einen Prozess, an dessen Ende idealerweise ein Stakeholder-Advisory-Board steht.